Wenn der Schmerz keine Worte mehr findet – Schmerzen bei Menschen mit Demenz

Schmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden im Alter – und sie sind zutiefst subjektiv. Während Werte wie Blutzucker oder Blutdruck gemessen werden können, lässt sich Schmerz nur durch Mitteilung erfassen. Doch was, wenn Menschen sich nicht mehr verständlich machen können?

Genau hier liegt die große Herausforderung bei Demenz. Denn auch wenn Menschen mit Demenz weiterhin Schmerzen empfinden, verlieren sie zunehmend die Fähigkeit, diese zu benennen oder zu lokalisieren. Manchmal verschwindet sogar das Verständnis für das Wort „Schmerz“ selbst. Das macht eine rechtzeitige und angemessene Behandlung oft schwierig, was mit teils gravierenden Folgen für das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen verbunden ist.

Wenn Verhalten zum Hilferuf wird

Im Alltag zeigen sich Schmerzen bei Demenz nicht selten durch Verhaltensänderungen: Eine sonst fröhliche Bewohnerin zieht sich plötzlich zurück, jemand wird bei der Körperpflege steif oder wehrt sich aggressiv. Andere rufen, sind unruhig oder wandern scheinbar ziellos umher. All das können – müssen aber nicht – Ausdruck von Schmerz sein. Wichtig ist deshalb eine aufmerksame und achtsame Umgebung.

Ein eindrückliches Beispiel aus unserer Demenz-Wohngemeinschaft: Eine Bewohnerin verweigerte plötzlich die Nahrung und sprach nicht mehr. Die Sorge war groß. Man vermutete, sie habe ihren Lebenswillen verloren. Doch im Krankenhaus wurde festgestellt, dass sie starke Schmerzen aufgrund einer Gallenblasenentzündung hatte. Nach erfolgreicher Behandlung blühte sie regelrecht wieder auf und aß, sprach und lachte wie früher.

Angehörige als Schmerz-Experten

Angehörige kennen ihre Lieben meist seit Jahrzehnten. Sie wissen, was „anders“ ist. Ihre Beobachtungen sind unverzichtbar. Wenn Angehörige sagen: „Das passt nicht zu ihm“ oder „Sie ist nicht mehr wie sonst“, sollte das Pflegepersonal unbedingt hellhörig werden. In vielen Fällen geht es dabei um bislang unerkannte Schmerzen.

Eine Möglichkeit, Schmerz besser zu erfassen, ist die Erstellung einer sogenannten Schmerzbiografie: Welche Schmerzen hatte die betroffene Person früher schon? Welche Medikamente wurden gut vertragen, welche nicht? War jemand besonders empfindlich bei Zahnschmerzen oder litt lange unter Rückenschmerzen? Diese Informationen helfen enorm, gerade wenn der direkte sprachliche Austausch nicht mehr möglich ist.

Schmerz erkennen – trotz Demenz

Fachleute setzen zunehmend auf strukturierte Beobachtungstools wie den BESD-Bogen (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz). Hier werden nonverbale Signale wie Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Lautäußerungen oder Abwehrreaktionen erfasst. Diese systematische Erhebung kann Hinweise liefern, ob eine Schmerzbehandlung notwendig ist.

Denn eines ist sicher: Menschen mit Demenz empfinden Schmerzen genauso wie alle anderen, sie können es nur nicht mehr mitteilen. Es ist unsere Aufgabe, genau hinzusehen.

Mut zur Linderung

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist es, dass ältere oder demente Menschen „weniger“ Schmerzen haben oder mehr „aushalten“. Studien zeigen jedoch, dass sie aus Angst vor Nebenwirkungen oder wegen Kommunikationsbarrieren häufig unterversorgt sind. Dabei gibt es heute zahlreiche gut verträgliche Schmerzmittel, auch für langjährige Anwendung. Opioide etwa, früher fast ausschließlich Krebspatienten vorbehalten, kommen heute gezielt und sicher auch bei chronischen Schmerzen im Alter zum Einsatz – beispielsweise in Form von Pflastern.

Natürlich gehört auch der behutsame Einsatz von nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Wärme, Bewegung, Musik, Massagen oder Berührung zur Schmerztherapie. Gerade bei Demenz können liebevolle Gesten und Rituale mehr bewirken als Worte.

Fazit: Schmerz ernst nehmen – immer!

Schmerzen bei Demenz zu erkennen ist eine gemeinsame Aufgabe von Angehörigen, Pflegekräften und Ärzten. Dabei zählt nicht allein das, was gesagt wird, sondern vor allem das, was gesehen, gespürt und verstanden wird. Denn Schmerz, der nicht gesehen wird, bleibt unbehandelt. Und das darf nicht sein.

Unser Appell: Nehmen Sie das „komische Gefühl“, dass etwas nicht stimmt, ernst. Beobachten Sie, dokumentieren Sie, stellen Sie Fragen. Und lassen Sie sich nicht abspeisen mit „Das gehört eben zum Alter dazu“. Jeder Mensch hat ein Recht auf Schmerzfreiheit – in jedem Alter und in jeder Lebenslage.

Autor*in