Die Diagnose Demenz ist für viele Menschen ein tiefer Einschnitt – besonders für jene, die ihr Leben lang unabhängig und eigenverantwortlich gelebt haben. Plötzlich scheint alles infrage gestellt: der eigene Wille, die Kontrolle über den Alltag, Entscheidungen über das eigene Leben. Doch dabei darf nicht vergessen werden, dass Menschen mit Demenz ein Recht auf Selbstbestimmung haben – in jeder Phase der Erkrankung.
Selbstbestimmung trotz Demenz – geht das überhaupt?
Ja, das geht. Und es ist nicht nur möglich, sondern auch essenziell. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft betont in ihren Empfehlungen: Menschen mit Demenz haben das Recht auf körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit – und auf Selbstbestimmung. Ihre Wünsche und Bedürfnisse, egal ob verbal oder non-verbal geäußert, müssen respektiert und berücksichtigt werden.
Oft entsteht im Umfeld der Eindruck, dass Betroffene durch die Erkrankung ihren eigenen Willen verlieren. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Auch wenn sich die Art der Kommunikation oder die Entscheidungsfähigkeit verändert, bleibt das Bedürfnis, gehört und ernst genommen zu werden. Der Wille, zu entscheiden, ob man heute ins Kino möchte oder lieber einen Spaziergang macht, verschwindet nicht. Er braucht lediglich mehr Raum, Zeit und Einfühlungsvermögen, um erkannt und berücksichtigt zu werden.
Was bedeutet Selbstbestimmung in diesem Zusammenhang?
Selbstbestimmung heißt nicht, dass Betroffene alles alleine machen müssen. Es heißt, dass Entscheidungen aller Art möglichst mit – und nicht über – die betroffene Person getroffen werden. Das kann im frühen Stadium bedeuten, dass Betroffene weiterhin selbst über Finanzen, Wohnsituation oder Gesundheit bestimmen. In späteren Phasen geht es um Alltagsthemen wie Kleidung, Essen, Musik oder Aktivitäten – kleine, aber bedeutende Wahlmöglichkeiten, die das Gefühl von Kontrolle und Identität erhalten.
Ehrlichkeit, Humor und echte Teilhabe
Wer selbst betroffen ist, wünscht sich vor allem authentischen Umgang. Dazu gehört auch, nicht über jemanden zu sprechen, wenn er oder sie anwesend ist, sondern mit der Person. Es geht darum, Fragen zu stellen, zuzuhören und gemeinsam zu entscheiden, auch wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Ehrlichkeit, Humor und eine entspannte Atmosphäre helfen dabei, Vertrauen zu erhalten und das Selbstwertgefühl zu stärken.
Unterstützung statt Überfürsorge
Viele Angehörige wollen schützen und greifen zu schnell ein. Sie fragen sich ständig, ob der oder die Betroffene „noch allein klarkommt“. Doch zu viel Kontrolle kann das Gegenteil bewirken: Rückzug, Frustration oder depressive Verstimmungen. Es gilt, die Balance zu finden zwischen Sicherheit und Freiheit und dabei die Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten. Das ist nicht nur gut für die betroffene Person, sondern entlastet langfristig auch die Angehörigen, denn wer seine Entscheidungen mittragen kann, ist oft zufriedener und kooperativer im Alltag.
Wer kann unterstützen?
Ein selbstbestimmtes Leben mit Demenz braucht ein unterstützendes Umfeld. Dazu gehören:
- Familie und Freunde, die aufmerksam zuhören und nicht vorschnell Entscheidungen treffen
- Pflegekräfte, die mit Einfühlungsvermögen und Fachwissen agieren
- Beratungsstellen, die über rechtliche Möglichkeiten wie Vorsorgevollmachten oder Patientenverfügungen informieren
- Selbsthilfegruppen und Demenz-Initiativen, die den Austausch mit anderen ermöglichen und stärken.
Fazit: Ein neues Verständnis von Autonomie
Selbstbestimmung bei Demenz bedeutet nicht, alles allein zu bewältigen. Es bedeutet, als Mensch ernst genommen zu werden – mit Gefühlen, Bedürfnissen und einem individuellen Lebensentwurf. Auch wenn die kognitiven Fähigkeiten schwinden, bleibt das Recht auf Selbstbestimmung bestehen. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, dieses Recht zu achten – mit Respekt, Geduld und einem offenen Herzen. Denn ein selbstbestimmtes Leben trotz Demenz ist nicht nur möglich, sondern es ist auch menschlich geboten.
