Was bleibt, wenn vieles geht – Berufung, die tief verankert ist

Es war ein ganz gewöhnlicher Vormittag in unserer Tagesbetreuung für Menschen mit Demenz. Die Gruppe hatte sich gerade zum gemeinsamen Singen und Bewegen zusammengefunden, als eine unserer Tagesgäste plötzlich über Übelkeit klagte. Schnell wurde deutlich, dass es hier Hilfe braucht.

Unsere Fachkraft reagierte sofort und verständigte den Notruf. Währenddessen geschah etwas Unerwartetes, aber umso Berührenderes: Ein anderer Tagesgast – selbst von einer demenziellen Erkrankung betroffen – trat ruhig und entschlossen an die Seite der Dame. Ohne Zögern fühlte er ihren Puls, sprach beruhigend auf sie ein und begleitete sie bis zum Eintreffen der Rettungskräfte. Was ihn dazu veranlasste? Seine berufliche Vergangenheit: Er war früher Arzt.

Dass dieser Gast, der selbst mit den Herausforderungen einer Demenzerkrankung lebt, in dieser Situation so präsent und handlungsfähig war, hat uns alle tief beeindruckt. Besonders bewegend war das Gespräch, das später mit seiner Ehefrau stattfand. Zuhause hatte er ihr von dem Vorfall erzählt, dass er helfen konnte, gebraucht wurde. Zunächst konnte sie es kaum glauben. Doch wir konnten ihr bestätigen, dass sich alles genau so zugetragen hatte. Ihr Mann hatte in einem wichtigen Moment Verantwortung übernommen – und das mit bemerkenswerter Ruhe und Kompetenz.

Was diese Situation in ihm ausgelöst hat, konnten wir in den folgenden Tagen beobachten: Ein neuer Glanz in den Augen, eine aufrechtere Haltung, ein Lächeln, das lange blieb. Die Wertschätzung, die er von den anderen Tagesgästen und unserem Team erfahren hat, war spürbar stärkend. Selbstwirksamkeit und Anerkennung – zwei Dinge, die im Leben mit Demenz oft verloren gehen. Umso kostbarer sind die Momente, in denen beides spürbar wird.

Solche Augenblicke machen deutlich, was unsere Tagesbetreuung ausmacht. Hier geht es nicht nur um Pflege und Struktur, sondern um Begegnung, Gemeinschaft und gegenseitige Fürsorge. Unsere Gäste – darunter auch Menschen mit einer frühen Form der Demenz, viele noch unter 65 Jahre alt – achten aufeinander. Beim täglichen Spaziergang sorgen sie dafür, dass alle sicher über die Straße kommen. Niemand bleibt allein zurück. Sie helfen einander beim Anziehen, reichen sich Getränke, lachen zusammen, halten einander aus, wenn es mal ein schwieriger Tag ist.

Unsere Tagesbetreuung ist ein Ort, an dem Menschen mit Demenz nicht nur betreut werden, sondern sich als Teil einer Gemeinschaft erleben. Mit allem, was dazugehört: Empathie, Aufmerksamkeit, Verantwortung. Und manchmal – wie in diesem besonderen Fall – auch mit der Erfahrung, gebraucht zu werden. Genau solche Erlebnisse schenken Sinn. Für unsere Gäste. Für ihre Angehörigen. Und auch für uns als Team.

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