Die Frage, ob Demenz ein Tabuthema ist, wirkt zunächst fast akademisch. Denn kaum ein anderes Krankheitsbild ist derzeit so präsent: Medien berichten regelmäßig über steigende Fallzahlen, es erscheinen zahlreiche Bücher und Spielfilme zum Thema, in Talkshows kommen Betroffene und Angehörige zu Wort, Kampagnen werben für mehr Wissen und weniger Ausgrenzung. Auch Verbände, soziale Träger und kirchliche Akteure setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander. Angesichts dieser Sichtbarkeit liegt der Gedanke nahe, dass von einem Tabu kaum noch die Rede sein kann.
Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren vieles bewegt. Demenz wird heute häufig als gesamtgesellschaftliche Herausforderung verstanden und nicht mehr ausschließlich als privates Schicksal einzelner Familien. Es entstehen demenzfreundliche Quartiere, Ehrenamtliche werden geschult, Unterstützungsangebote werden ausgebaut. In Pflege, Medizin und Sozialarbeit ist die Sensibilität gewachsen. Angehörige finden schneller Informationen und sprechen offener über ihre Belastungen. Auch Menschen mit Demenz selbst erheben ihre Stimme, schildern ihre Perspektiven und pochen auf Teilhabe. In diesem Sinn ist Demenz sichtbarer geworden – und Sichtbarkeit gilt gemeinhin als Zeichen von Enttabuisierung.
Doch dieser Schluss greift zu kurz. Denn sichtbar zu sein heißt nicht zwangsläufig, dass offen und angstfrei damit umgegangen wird. Viele Gespräche über Demenz bleiben auf einer sachlichen oder allgemeinen Ebene. Solange über „die Betroffenen“, „das System“ oder „die Zukunft der Pflege“ gesprochen wird, fällt der Austausch leicht. Anders wird es, wenn die Diagnose plötzlich im eigenen Umfeld auftaucht. Noch immer berichten Angehörige von Scham, Schuldgefühlen oder dem Wunsch, die Erkrankung lieber für sich zu behalten. Betroffene erleben im Alltag häufig Unsicherheit, Rückzug oder gut gemeinte, aber dennoch ausgrenzende Reaktionen. Frühzeitige Veränderungen werden nicht selten verharmlost oder ignoriert – aus Furcht vor den Konsequenzen einer klaren Benennung.
Darin zeigt sich ein Muster, das vielen Tabuthemen eigen ist: Man kann darüber sprechen, solange es auf Distanz bleibt. Demenz führt uns die Verletzlichkeit des Menschen vor Augen – den Verlust von Kontrolle, Selbstständigkeit und vertrauter Identität. Diese existenziellen Aspekte lösen Angst aus und werden deshalb gern auf Abstand gehalten. So bleibt Demenz emotional oft tabuisiert, auch wenn sie öffentlich diskutiert wird. Akzeptanz entsteht jedoch nicht allein durch Information, sondern vor allem durch Begegnung und das Aushalten von Unsicherheit.
Vermutlich liegt die Wahrheit zwischen den Polen. Demenz ist kein Thema mehr, über das grundsätzlich geschwiegen wird. Gleichzeitig ist sie noch nicht selbstverständlich genug, um ohne Abwehr, Angst oder Sprachlosigkeit besprochen zu werden. Während sich der öffentliche Diskurs geöffnet hat, bleibt der private Umgang häufig zögerlich. Genau hier liegt eine zentrale Aufgabe: Es braucht nicht nur Wissen, sondern Räume, in denen auch Ambivalenz, Überforderung und Ratlosigkeit ausgesprochen werden dürfen.
Ob Demenz ein Tabuthema ist, entscheidet sich daher weniger an medialer Aufmerksamkeit oder großen Kampagnen als an unserem Verhalten im persönlichen Kontakt. Dort zeigt sich, wie offen und tragfähig unsere Gesellschaft tatsächlich ist. Und falls Sie einmal in Offenbach unterwegs sind, kommen Sie doch gerne in unserer StattHaus-Cafeteria vorbei: Hier leben wir Offenheit und Verständnis – ganz ohne Tabuisierung.
