Bewegung – von und mit Menschen mit Demenz

Menschen mit Demenz zeigen häufig einen ausgeprägten Bewegungsdrang. D können wir auch täglich bei uns in der Tagesbetreuung beobachten: Spaziergänge und die Freude an gemeinsamer Gymnastik, bei einigen Gästen aber auch wiederholtes Aufstehen und Umherlaufen scheinbar ohne klares Ziel. Was zunächst irritierend wirken kann, hat tiefere Ursachen und wichtige Funktionen. Denn Bewegung ist für Menschen mit Demenz nicht nur ein körperliches, sondern auch ein emotionales und soziales Grundbedürfnis.

Bewegung als Ausdruck von innerer Unruhe oder Stress

Demenz verändert die Art und Weise, wie Betroffene ihre Umwelt wahrnehmen und verarbeiten. Vertraute Routinen verschwinden, die Orientierung geht verloren und Reize können schnell überfordern. In solchen Situationen wird Bewegung oft unbewusst als Strategie genutzt, um mit innerem Stress umzugehen. Das Gehen – sei es zielgerichtet oder scheinbar ziellos – hilft, Spannungen abzubauen und Gefühle wie Angst, Unruhe oder Überforderung zu regulieren.

Erhalt von Autonomie und Kontrolle

Während die kognitiven Fähigkeiten zunehmend abnehmen, bleibt das Bedürfnis nach Selbstbestimmung erhalten. Bewegung scheint da in vielen Fällen ein Gefühl von Kontrolle zu ermöglichen: Man entscheidet selbst, wann und wohin man geht. Gerade wenn vieles im Alltag fremdbestimmt ist, erleben Menschen mit Demenz durch Bewegung ein Stück Autonomie – auch wenn es nur ein Spaziergang im Garten ist.

Tief verankerte Routinen

Viele Menschen haben ihr ganzes Leben lang Bewegung in ihren Alltag integriert, im  Beruf, mit der Familie oder bei der Freizeitgestaltung. Diese Gewohnheiten sind tief im Körpergedächtnis verankert und bleiben oft lange erhalten. Ein ehemaliger Landwirt, der täglich über Felder ging, wird auch mit Demenz das Bedürfnis verspüren, „nach den Tieren zu sehen“. Bewegung ist hier in vielen Fällen Ausdruck biografisch geprägter Lebensmuster.

Körperliche Bedürfnisse und Sinnesreize

Auch körperlich kann Bewegung wohltuend sein: Sie aktiviert die Muskulatur, regt Kreislauf und Stoffwechsel an und wirkt sich positiv auf die Stimmung aus. Besonders im Freien, bei frischer Luft, mit Sonnenlicht, Gerüchen und Naturgeräuschen, entstehen angenehme Sinneseindrücke, die Sicherheit und Wohlbefinden vermitteln können.

Soziale Kontakte und Zugehörigkeit

Bewegung eröffnet Möglichkeiten für Begegnung. Ein Spaziergang mit einer vertrauten Person, das Beobachten anderer Menschen oder auch das gemeinsame Tanzen können Verbindungen schaffen. Gerade wenn Sprache nachlässt, wird Bewegung zur Kommunikationsform. Sie ermöglicht Nähe, Austausch und das Erleben von Gemeinschaft.

Bewegung ist für Menschen mit Demenz mehr als nur körperliche Aktivität. Sie ist Ausdruck von Bedürfnissen, biografischer Prägung, emotionalem Erleben und sozialem Wunsch nach Teilhabe. Wer den Bewegungsdrang versteht und ihm mit Offenheit begegnet, kann viel zur Lebensqualität der Betroffenen beitragen.

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