Alzheimer: Verstehen, behandeln und vorbeugen

Renommierter Alzheimer-Forscher erläutert in einem Vortrag den aktuellen Stand der Forschung

Frankfurt, 26. Oktober 2026 – Professor Dr. Christian Haass, einer der renommiertesten deutschen
Alzheimer-Forscher, Standortsprecher des Deutsches Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen
e. V. (DZNE), München, Leiter der Abteilung für neurodegenerative Erkrankungen an der Ludwig-
Maximilians-Universität München (LMU) und Kuratoriumsmitglied der Hans und Ilse Breuer-Stiftung,
referierte vergangenen Samstag im Rahmen des Projekts „Demenzfreundliches Kronberg“ zum Thema „Mechanismen der Alzheimer Erkrankung – Grundlage für Intervention und Prävention”.

Haass erklärte, dass die Alzheimer-Erkrankung eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit sei. Mit zunehmender Lebenserwartung steigt die Zahl der Betroffenen dramatisch. Doch erstmals gibt es begründete Hoffnung, den Verlauf dieser bislang unheilbaren Erkrankung gezielt beeinflussen zu können.

Amyloid – der Auslöser der Alzheimer-Erkrankung
Alzheimer beginnt bereits Jahrzehnte bevor die ersten Gedächtnisstörungen auftreten. Im Gehirn lagert sich ein kleines Eiweißfragment, das sogenannte Amyloid, ab und bildet die Amyloid-Plaques. Diese setzen eine verhängnisvolle Kettenreaktion (die Amyloid Kaskade) in Gang: das Tau-Protein verklumpt innerhalb der Zellen, Entzündungsreaktionen entstehen und schließlich sterben Nervenzellen ab. Erst wenn diese Schäden recht weit fortgeschritten sind, bemerken die Betroffenen bzw. Ärzte Gedächtnisprobleme und andere Symptome.

Dass Amyloid am Anfang dieser Kaskade steht, wird durch die Humangenetik überzeugend belegt. Seltene erbliche Veränderungen, die zu einer verstärkten Bildung oder Verklumpung von Amyloid führen, verursachen Alzheimer bereits im frühen Alter. Menschen mit Down-Syndrom besitzen eine zusätzliche Kopie des Chromosoms 21, auf dem das Gen für das Amyloid liegt.  Dies führt zu einer erhöhten
Produktion des Amyloids. Down-Syndrom Patienten entwickeln deshalb eine Alzheimer-Pathologie im Alter von ca. 50 Jahren. Umgekehrt schützt eine seltene genetische Veränderung, die die Amyloid-Produktion lebenslang reduziert, vor Alzheimer. Diese Befunde sind ein klarer Beweis für die Amyloid-Kaskaden-Hypothese.

Neue Therapien – endlich ein Durchbruch?
Nach Jahrzehnten intensiver Forschung kann man Amyloid heute mit speziellen Antikörpern gezielt aus dem Gehirn entfernen. Der für eine Behandlung zugelassene Antikörper Lecanemab verlangsamt den geistigen Abbau bei Patienten um etwa 27 Prozent. Das ist noch keine Heilung, aber ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung. Natürlich gibt es Einschränkungen. Die Wirkung ist bislang begrenzt, die Behandlung kann Nebenwirkungen verursachen und kommt daher nicht für alle Patienten infrage. Dennoch zeigt Haass sich vorsichtig optimistisch. Besonders große Hoffnungen setzt er auf eine möglichst frühe Behandlung, idealerweise bevor irreversible Schäden im Gehirn entstanden sind. Moderne Biomarker ermöglichen es zunehmend, die Alzheimer-Pathologie bereits lange vor den ersten Symptomen nachzuweisen.

Was können wir selbst tun?
Gesunde Ernährung, regelmäßige körperliche Bewegung, ausreichend Schlaf, soziale Kontakte und geistige Aktivität sind für die Gesundheit unseres Gehirns außerordentlich wichtig. Besonders hervorheben möchte Haass die Neugierde: Wer sich lebenslang für Neues interessiert, neue Fähigkeiten erlernt, sich mit anderen Menschen austauscht, fordert sein Gehirn und erhält seine geistige Leistungsfähigkeit. Neugierde ist für ihn eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesundes Altern.

Allerdings hält er die häufig verbreitete Behauptung, durch solche Präventionsmaßnahmen ließe sich nahezu jeder vierte Demenzfall vermeiden, für deutlich überzogen. Gerade die Alzheimer-Erkrankung besitzt eine starke biologische und genetische Grundlage. Ein gesunder Lebensstil kann Risiken reduzieren und möglicherweise den Krankheitsbeginn hinauszögern, aber er kann die zugrunde liegende Amyloid-Pathologie nicht zuverlässig verhindern.

Sein Fazit
Die Zukunft liegt in der Kombination aus einer frühzeitigen, ursächlich wirkenden Anti-Amyloid-Therapie und lebenslangen Präventionsmaßnahmen. Wir sollten alles tun, um unser Gehirn durch Bewegung, gesunde Lebensweise, soziale Aktivität und vor allem durch Neugierde fit zu halten. Gleichzeitig müssen wir die Entwicklung wirksamer Medikamente entschlossen vorantreiben. Nur durch diese Kombination werden wir langfristig die besten Chancen haben, Alzheimer nicht nur zu verzögern, sondern eines Tages möglicherweise ganz zu verhindern.


Über die Hans und Ilse Breuer-Stiftung
Die vom Land Hessen als „Stiftung des Jahres 2016“ ausgezeichnete Hans und Ilse Breuer-Stiftung hat
es sich seit ihrer Gründung im Jahr 2000 zur Aufgabe gemacht, die Lebenssituation von Demenzkranken und ihren Angehörigen zu verbessern. Die gemeinnützige Einrichtung mit Sitz in Frankfurt am Main
engagiert sich einerseits mit dem eigenen Demenzzentrum „StattHaus Offenbach“ in der Betroffenenhilfe und fördert andererseits die wissenschaftliche Grundlagenforschung und Versorgungsforschung zu
Demenz.
Seit 2006 verleiht die Stiftung den mit 100.000 Euro dotierten Alzheimer-Forschungspreis, mit dem bislang 25 Preisträger gewürdigt wurden. Ebenfalls seit 2006 hat die Stiftung bereits 42 Stipendien an den wissenschaftlichen Nachwuchs vergeben. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens schrieb die Stiftung 2020 zusätzlich erstmals einen Sonderpreis für herausragende Publikationen im Forschungsbereich Demenz für Nachwuchsforscher des DZNE aus, mit dem die Stiftung seit 2020 eng zusammenarbeitet. Weitere Vergaben des Preises folgten seitdem jährlich.
Die Verleihung der Preise erfolgte traditionell im Rahmen einer wissenschaftlichen Fachveranstaltung wie beispielsweise dem Eibsee-Meeting „Cellular Mechanisms of Neudegeneration“. Dieser renommierte
Alzheimer-Kongress bringt unter Leitung von Prof. Jonas Neher vom DZNE München und der Ludwig-
Maximilians-Universität München, Experten aus der ganzen Welt zusammen. Er wird von der Hans und
Ilse Breuer-Stiftung in Kooperation mit dem DZNE und dem Excellenzcluster SyNergy ausgerichtet und
finanziert.
2023 wurden erstmals die Preisträger der Publikationspreise in Frankfurt im Rahmen der stiftungseigenen Veranstaltung „Demenz – Reise einer Veränderung“ ausgezeichnet. Der Alzheimer-Forschungspreis wurde2025 zum ersten Mal während einer gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung vom DZNE und der Hans und Ilse Breuer-Stiftung in Bonn verliehen.
Darüber hinaus fördert die Stiftung seit 2020 auch den jährlichen Kongress des Deutschen Netzwerks
Versorgungsforschung, dessen Vorsitzender Prof. Wolfgang Hoffmann, Universitätsmedizin Greifswald
und DZNE Rostock/Greifswald ebenfalls Kuratoriumsmitglied ist.

Weitere Informationen zur Hans und Ilse-Breuer-Stiftung auf der Website: http://www.breuerstiftung.de/

Pressekontakt Hans und Ilse Breuer-Stiftung: Uli Kuhn, Telefon 0178 / 322 01 82, uli.kuhn@breuerstiftung.de