(Wie) gelingt der Umzug in ein Pflegeheim bei Menschen mit Demenz?

Wann ist der „richtige“ Zeitpunkt?

Einen geliebten Menschen mit Demenz nicht mehr zu Hause betreuen zu können, ist kein Versagen. Im Gegenteil: Es kann ein Zeichen von Verantwortung und Liebe sein, zu erkennen, wann die Möglichkeiten zu Hause ausgeschöpft sind und eine andere Form der Versorgung mehr Sicherheit und Lebensqualität bietet.

Trotzdem gehört die Entscheidung für den Umzug in ein Pflegeheim für viele Familien zu den schwierigsten Entscheidungen im Verlauf einer Demenzerkrankung. Häufig geht ihr eine lange Zeit voraus, in der Angehörige alles versuchen, um das Leben zu Hause zu ermöglichen – mit Unterstützung durch Familie, ambulante Dienste, Tagesbetreuung oder andere Hilfen.

Irgendwann kann jedoch der Punkt kommen, an dem sich die Frage nicht mehr nur lautet: „Wie können wir es zu Hause noch schaffen?“, sondern auch: „Wo kann unser Angehöriger jetzt am besten leben und versorgt werden?“

Diese Veränderung der Perspektive ist wichtig. Denn das Ziel sollte nicht sein, das Leben zu Hause um jeden Preis möglichst lange aufrechtzuerhalten. Entscheidend ist, welche Wohn- und Versorgungsform dem Menschen mit Demenz Sicherheit, Zuwendung und möglichst viel Lebensqualität ermöglicht – und zugleich für die Angehörigen dauerhaft tragfähig ist.

Eine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es den einen Moment, an dem ein Umzug zwingend notwendig wird. Es gibt aber Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass die bisherige Versorgung an ihre Grenzen kommt.

Nicht die Diagnose entscheidet, sondern die konkrete Situation

Eine Demenzdiagnose allein ist kein Grund für einen Umzug in ein Pflegeheim. Viele Menschen können lange Zeit gut in ihrer vertrauten Umgebung leben – insbesondere dann, wenn ein tragfähiges Unterstützungsnetz vorhanden ist.

Entscheidend ist vielmehr, ob Sicherheit, Versorgung und Lebensqualität noch gewährleistet werden können – und zwar nicht nur für den Menschen mit Demenz, sondern auch für die Angehörigen.

Fragen, die bei der Einschätzung helfen können, sind beispielsweise:

  • Ist die Person zu Hause noch ausreichend sicher?
  • Kommt es häufiger zu Stürzen, nächtlicher Unruhe oder Situationen, in denen sie die Wohnung verlässt und nicht zurückfindet?
  • Werden Essen, Trinken und Medikamente zuverlässig sichergestellt?
  • Kann die notwendige Körperpflege noch gewährleistet werden?
  • Ist eine Betreuung inzwischen nahezu rund um die Uhr erforderlich?
  • Kann die Hauptpflegeperson noch schlafen, arbeiten, eigene Termine wahrnehmen und sich erholen?
  • Ist die Versorgung dauerhaft tragfähig – oder funktioniert sie nur noch, weil Angehörige permanent über ihre eigenen Grenzen gehen?

Gerade die letzte Frage ist wichtig. Denn häufig wird der Zeitpunkt für einen Umzug nicht deshalb verpasst, weil Angehörige die Situation falsch einschätzen, sondern weil sie immer wieder versuchen, noch ein bisschen länger durchzuhalten.

Möglichst nicht erst entscheiden, wenn gar nichts mehr geht

Viele Umzüge in ein Pflegeheim finden nach einer Krise statt: nach einem Sturz, einem Krankenhausaufenthalt, einer akuten Verschlechterung oder weil die pflegende Person plötzlich selbst erkrankt.

Dann muss innerhalb weniger Tage eine Lösung gefunden werden. Für den Menschen mit Demenz und seine Familie bedeutet das zusätzlichen Stress.

Deshalb kann es sinnvoll sein, sich frühzeitig und ohne unmittelbaren Entscheidungsdruck mit möglichen Wohn- und Versorgungsformen auseinanderzusetzen. Welche Pflegeheime kommen infrage? Gibt es ambulant betreute Wohngemeinschaften? Welche Einrichtungen haben Erfahrung mit Menschen mit Demenz? Welche Atmosphäre herrscht dort? Welche Betreuungsangebote gibt es?

Sich Einrichtungen anzusehen oder sich auf eine Warteliste setzen zu lassen, bedeutet noch lange nicht, dass der Umzug unmittelbar bevorsteht. Es schafft zunächst einmal Optionen.

Was möchte der Mensch mit Demenz selbst?

Wenn es möglich ist, sollte die betroffene Person frühzeitig in die Überlegungen einbezogen werden. Gerade in einer frühen Phase der Erkrankung können Wünsche und Vorstellungen häufig noch gut besprochen werden.

Dabei geht es nicht immer um die direkte Frage: „Möchtest du später in ein Pflegeheim?“ Hilfreicher können konkrete Fragen sein: Was ist dir wichtig, wenn du einmal mehr Unterstützung brauchst? Möchtest du möglichst in deinem Stadtteil bleiben? Ist dir ein Garten wichtig? Möchtest du viel Gemeinschaft oder eher Rückzugsmöglichkeiten?

Je früher solche Gespräche stattfinden, desto größer ist die Chance, dass spätere Entscheidungen tatsächlich im Sinne des Menschen mit Demenz getroffen werden können.

Der Umzug selbst: Vertrautes mitnehmen

Auch wenn ein Umzug notwendig und gut vorbereitet ist, bleibt er für einen Menschen mit Demenz eine erhebliche Veränderung. Orientierung entsteht bei einer Demenz häufig über Bekanntes: Menschen, Gegenstände, Gewohnheiten, Geräusche und vertraute Abläufe.

Deshalb kann es helfen, das neue Zimmer mit persönlichen Dingen auszustatten: dem vertrauten Sessel, Bildern, Fotografien, einer Lieblingsdecke oder anderen Gegenständen, die zum bisherigen Zuhause gehörten.

Ebenso wichtig sind Informationen für die Mitarbeitenden der Einrichtung: Wer ist dieser Mensch?

Was hat er beruflich gemacht? Welche Musik hört er gerne? Wann steht er normalerweise auf? Was isst er besonders gerne – und was überhaupt nicht? Welche Gewohnheiten hat er? Was beruhigt ihn? Was verunsichert ihn? Welche Menschen sind ihm besonders wichtig?

Eine gute Biografiearbeit kann wesentlich dazu beitragen, dass aus einem „neuen Bewohner“ möglichst schnell ein Mensch mit einer bekannten Geschichte, Persönlichkeit und individuellen Bedürfnissen wird.

Abschied und Eingewöhnung brauchen Zeit

Nach einem Umzug erleben Angehörige häufig sehr unterschiedliche Gefühle: Erleichterung, weil die permanente Verantwortung abnimmt. Trauer, weil ein gemeinsamer Lebensabschnitt endet. Zweifel, ob die Entscheidung richtig war. Manchmal auch Schuldgefühle.

Diese Gefühle können gleichzeitig auftreten.

Auch für den Menschen mit Demenz braucht die Eingewöhnung Zeit. In den ersten Tagen oder Wochen können Unruhe, Orientierungslosigkeit oder der Wunsch, „nach Hause“ zu gehen, zunehmen. Das bedeutet nicht automatisch, dass der Umzug falsch war.

Wichtig ist eine enge Abstimmung zwischen Angehörigen und Einrichtung. Dabei kann individuell sehr unterschiedlich sein, was in der ersten Zeit hilfreich ist: häufige Besuche, etwas mehr Ruhe, gemeinsame Mahlzeiten oder vertraute Rituale. Starre Regeln helfen hier wenig.

Angehörige bleiben Angehörige

Mit dem Einzug in ein Pflegeheim endet die Verantwortung für die tägliche Versorgung – aber nicht die Beziehung.

Das kann sogar eine Chance sein.

Wer zuvor rund um die Uhr organisiert, gepflegt, kontrolliert und unterstützt hat, kann wieder stärker Ehepartnerin oder Ehepartner, Tochter, Sohn, Schwester, Bruder oder Freund sein. Ein gemeinsamer Spaziergang, Musik hören, Fotos anschauen oder einfach zusammensitzen kann wieder wichtiger werden als die Frage, ob Medikamente eingenommen, Wäsche gewaschen oder das Mittagessen vorbereitet wurde.

Wann also ist der „richtige“ Zeitpunkt?

Vielleicht lässt er sich am besten so beschreiben: Der richtige Zeitpunkt ist nicht unbedingt der Moment, an dem es zu Hause überhaupt nicht mehr geht. Es kann der Zeitpunkt sein, an dem erkennbar wird, dass eine andere Wohnform auf Dauer mehr Sicherheit, Versorgung und Lebensqualität ermöglichen kann.

Diese Entscheidung muss niemand allein treffen. Beratung kann helfen, die Situation möglichst sachlich zu betrachten, verschiedene Möglichkeiten abzuwägen und einen Weg zu finden, der zum Menschen mit Demenz und zu seiner Familie passt.

Auch wir im StattHaus Offenbach der Hans und Ilse Breuer-Stiftung erleben in unseren Beratungen immer wieder, wie belastend diese Entscheidung für Familien sein kann. Wir beraten Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zu Fragen rund um Versorgung, Betreuung und geeignete Wohnformen und unterstützen dabei, individuelle Lösungen zu finden.

Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst lange an einer bestimmten Wohnform festzuhalten. Es geht darum, wo und wie ein Mensch mit Demenz möglichst gut leben kann – und wie dieses Leben gemeinsam gestaltet werden kann.

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